21.01.2026

Interreligiöse Dialog- und Lernräume gestalten: Gedanken zum Begegnungsforum 2025

Beim Begegnungsforum von begegnen e.V. am 22. und 23. November 2025 wurde schnell spürbar, was den Verein seit seiner Gründung antreibt: Menschen unterschiedlicher Religionen zusammenzubringen, um einander zuzuhören, voneinander zu lernen und gemeinsame Zukunftsfragen zu stellen. Dieser interreligiöse Dialog stellt einen solidarischen Gegenpunkt zu wachsendem Antisemitismus, antimuslimischem Rassismus und anderen Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit dar, die seit längerem auch in der Mitte der Gesellschaft verankert sind.

Das Forum bot einen geschützten Raum für respektvolle Gespräche und ehrliche Neugier. Muslimische, jüdische und christliche Teilnehmende – ergänzt durch Interessierte weiterer Religionen und Weltanschauungen – kamen zusammen, um über Geschichte, Gegenwart und gesellschaftliche Verantwortung ins Gespräch zu kommen.

Hierzu leistete die ConflictA mit zwei Formaten ihren Beitrag. Am ersten Tag stellten wir die MEMO-Impulskarten vor und erprobten das Kartenset gemeinsam mit rund 16 Teilnehmenden. Am zweiten Tag fand unser Workshop „Dialogisch im Konflikt“ statt, in dem wir uns mit Gesprächssituationen auseinandersetzten, die uns aus der Balance und an unsere Grenzen bringen – sei es durch Meinungen, die für uns nur schwer auszuhalten sind oder durch kommunikatives Verhalten, das uns destabilisiert.

Die Workshops wurden zu kleinen Laboren des Dialogs: Orte, an denen Perspektiven aufeinandertreffen, Irritationen produktiv werden und neue Ideen entstehen. Rund um die Workshops waren wir als Teilnehmende im Begegnungsforum unterwegs. Hier möchten wir unsere Eindrücke und Reflexionen teilen.

begegnen…?!

Das Begegnungsforum von begegnen e.V. brachte an diesem Tag Menschen verschiedenster religiöser Hintergründe zusammen. Alle Muslim*innen, Christ*innen und Juden*Jüdinnen, aber auch Angehörige anderer Religionen und Weltanschauungen in Nordrhein-Westfalen waren eingeladen. Ziel der Veranstaltung war es, durch persönliche Begegnungen, fachliche Impulse und moderierte Gespräche Räume für Verständigung und gemeinsames Lernen zu eröffnen und zugleich Gelegenheit zu bieten, sich kennenzulernen. Die Atmosphäre war offen und achtsam – viele Teilnehmende kamen mit dem Wunsch, Perspektiven auszutauschen, Unsicherheiten zu thematisieren und aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen zu diskutieren. In Vorträgen, Kleingruppen und Workshops wurde deutlich, wie zentral Dialogformate heute sind, um Vorurteilen entgegenzuwirken und Empathie zu fördern.

Konstruktive Konfliktbearbeitung und Ressource für Frieden

Besonders interessant ist das Format mit Blick auf Prävention, konstruktive Konfliktbearbeitung und damit als Ressource für Frieden. Religiöse Gemeinschaften, aber auch einzelne Akteur*innen können durch gemeinsame Initiativen einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen leisten. Forschung zu interreligiösen Dialogprozessen zeigt, dass Begegnungsräume Vertrauen aufbauen und ‚Kontaktzonen‘ schaffen, in denen Vorurteile systematisch abgebaut werden können. Konzepte der zivilen Konfliktbearbeitung betonen zudem, wie wichtig dialogische Formate für die Entwicklung gemeinsamer Narrative und die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts sind. Ansätze der Friedenspädagogik weisen drauf hin, dass moderierte Austauschprozesse Kompetenzen wie Perspektivübernahme, Ambiguitätstoleranz und Empathie fördern.

Wenn Menschen einander besser verstehen, wächst die Bereitschaft, Unterschiede anzunehmen, und konstruktive Gespräche können dazu beitragen, Konflikte abzubauen und gewaltsame Auseinandersetzungen zu verhindern.

MEMO-Impulskartenset: Erinnerungskultur als Grundlage gemeinsamer Lernprozesse

Erinnerungskultur spielt im interreligiösen Dialog eine zentrale Rolle, weil sie historische Erfahrungen sichtbar macht und Raum für gemeinsames Lernen eröffnet. Insbesondere in einem Kontext, in dem unter anderem Rassismus und Antisemitismus zunehmen, ermöglicht die Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Verfolgungserfahrungen und gesellschaftlichen Brüchen ein tieferes Verständnis für Verletzlichkeiten und öffnet den Raum für Solidarisierungen.

Erinnerungskultur als gemeinschaftlicher Prozess verstanden, lässt Menschen Erzählungen/Erinnerungen/Geschichte aushandeln, Verantwortungen reflektieren und kann Orientierung für gegenwärtiges Handeln bieten. Das Begegnungsformat, das wir am ersten Tag des Begegnungsforums anboten, schuf dafür einen geschützten Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven auf Geschichte gehört und miteinander ins Verhältnis gesetzt werden konnten. Die MEMO-Impulskarten unterstützen diesen Raum mit Fragen wie „Was haben Menschen aus deiner Familie während der Zeit des Nationalsozialismus getan oder erlebt?“ oder „Warum ist es wichtig, dass Menschen sich mit der Vergangenheit beschäftigen?“. Der Rahmen bot eine wertvolle, offene Gelegenheit, Empathie zu stärken, den respektvollen Austausch zu fördern und gemeinsam konstruktive, zukunftsorientierte Perspektiven zu entwickeln.

„Dialogisch im Konflikt“ – aber wie?

Am zweiten Tag des Begegnungsforums boten wir mit dem Workshop „Dialogisch im Konflikt“ ein Format an, um sich damit auseinanderzusetzen, wie Dialog in konfliktreichen Situationen gelingen kann.

Besonders in Gesprächen mit stark unterschiedlichen Positionen sprechen Menschen häufig in Monologen aneinander vorbei. Es wird mit Argumenten versucht, das Gegenüber von der eigenen Position zu überzeugen, wodurch eine wichtige Qualität des Dialogs verloren geht: das Zuhören. Ein gelingender Dialog baut darauf auf, dem*der Gesprächspartner*in empathisch zuzuhören und zu versuchen, die Position nachzuvollziehen. Dazu gehört auch die Offenheit, die eigene Position in Frage zu stellen.
Wir sprachen im Workshop auch über mögliche Voraussetzungen und Grenzen von Dialog: Wenn ein Gespräch stark aufwühlt und Stress auslöst, nimmt die eigene Dialogfähigkeit ab, sodass es ab einem bestimmten Punkt sinnvoll sein kann, das Gespräch für den Moment bewusst zu beenden. Dialogfähigkeit beinhaltet dementsprechend auch Achtsamkeit für die eigenen Emotionen.

Der Workshop bot auch Praxiselemente: In einem Rollenspiel wurde anhand persönlicher Beispiele probiert, wie herausfordernde Gesprächssituationen dialogisch gestaltet werden können. Dabei zeigte sich schnell, dass die Umsetzung in der Praxis deutlich anspruchsvoller ist als die theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema. Teilnehmende berichteten, wie schwierig es war, sich von typischen Gesprächsdynamiken zu lösen und sich auf das Gegenüber zu konzentrieren, statt auf die eigenen Argumente. Andere schilderten Erfolgserlebnisse: Besonders aufgefallen war, dass es die Gespräche positiv beeinflusste, von der rein inhaltlichen Ebene auf eine persönliche Ebene zu wechseln. Der Versuch, die Emotionen einer Person nachzuvollziehen, trug dazu bei, dass diese sich stärker gesehen fühlte und dadurch öffnen konnte. Das Gespräch verblieb nicht auf der Ebene eines reinen Schlagabtauschs.

Abschließend resümierte eine Teilnehmerin: „Wir müssen uns generell mehr davon lösen, dass die beiden Perspektiven zwei konträre Seiten sind, die in ein Gut und Böse einteilbar sind, sondern anfangen, einfach zwei verschiedene Perspektiven zu sehen“.


Text von: Nico Noltemeyer-Gautier, Franka Büssing und Lilly Roll-Naumann

Fotos: Franka Büssing © ConflictA